Stress - ist nicht gleich Stress!

Eustress - Disstress

Unser Organismus kontert unspezifische Reize mit bestimmten körperlichen Reaktionen, die wir als schnelleren Herzschlag oder beschleunigte Atmung wahrnehmen. Der Arzt bezeichnet diesen Zustand wertneutral als Stress, der durch eine grosse Freude oder Enttäuschung entsteht. Der Millionengewinn provoziert eine weit heftigere Reizreaktion als der kurze Streit mit dem Nachbarn. Damit ist nicht ausgedrückt, ob der Stress positiv oder negativ erlebt wird.
Die Fachwelt spricht von Eustress und Disstress. Der heilsame Stress, der Eustress, gehört zum erfüllten Leben. Beim ersten Treffen ist der gutaussehende junge Mann für das Mädchen genauso ein Eustressor wie das Aktenbündel für den ehrgeizigen und tatenhungrigen Managernachwuchs. Diese gesunde Spannung ist lebensnotwendig, sie ist
Antrieb und Bürge für die Gesunderhaltung des Gesamtorganismus. Seyle, der Schöpfer des Wortes Stress (abgeleitet aus stringere = spannen, fordern), bezeichnet diese Zustände als «Salz des Lebens».
Die Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Reizsituationen um. Das ist eine Frage des Selbstwertgefühls, der Belastbarkeit und der individuellen Werteskala, die durch sehr viele Faktoren geeicht ist. Die Mahler-Sinfonie, die mich entspannt und wegträgt, jagt meinen Freund sprichwörtlich die Wände hoch. Für ihn ist dieses Musikstück ein Disstressor, ein krankmachender Reiz.
Strassenlärm, klirrende Kälte oder der verrauchte Arbeitsplatz sind Stressquellen, die objektiv festgestellt werden können. In diesen Situationen sind die Betroffenen fähig, gezielt zur Verbesserung der Lage einzustehen. (Der Anwohner der stark befahrenen Autostrasse möge mir diese Diminution seines täglichen Ärgers nachsehen.) Diese Möglichkeit steht auch bei Konflikten und grossen Enttäuschungen offen. Der krankmachende Stress gedeiht in der Passivität, im Gefühl der Unfähigkeit, die Situation je zu meistern.
Langanhaltender Disstress führt zu einer Überforderung, die anschliessend in einen Zustand der Erschöpfung mündet. Neid, Ärger, Hass und Missgunst sind gefährliche Stressoren, die das Gleichgewicht des vegetativen Nervensystems empfindlich stören. Der Körper speichert die Bilder, die mit diesen gelebten, negativen Gefühlen verknüpft sind. Jede vergleichbare Situation erzwingt die Wiederholung der Stressreaktion, die nach längerer Zeit gesundheitsbedrohende Ausmasse annimmt. Beständiger Disstress verändert grundlegend die chemischen Prozesse des Organismus.